Chiropraktik für Kinder und Jugendliche
Die Vereinigung Colonna in Crescita wurde von den Chiropraktorinnen Dr. Matilde Bianchi und Dr. Luisa Nodari gegründet. Die beiden haben sich auf die Chiropraktik bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Mittlerweile behandeln sechs Chiropraktorinnen Kinder und Jugendliche in Mendrisotto, Bellinzona, Locarno und Lugano. Im Interview erzählen Dr. Bianchi und Dr. Nodari, weshalb sie diese Vereinigung gegründet haben und welche Tipps sie für Kinder und Jugendliche haben.
1. Mit Ihrer Vereinigung „Colonna in Crescita“ fördern Sie und Ihre Kolleginnen die chiropraktische Versorgung im Bereich der Kinder- und Familienchiropraktik in der italienischsprachigen Schweiz. Warum haben Sie sich entschieden, sich auf Babys, Kinder und Jugendliche zu spezialisieren?
Die Idee zur Gründung der Vereinigung Colonna in Crescita (www.colonnaincrescita.ch) entstand im vergangenen Jahr aus einem Gedankenaustausch zwischen uns, Dr. Matilde Bianchi und Dr. Luisa Nodari. Heute ist das Projekt gewachsen und zählt sechs Mitglieder, die alle dieselbe Vision teilen und über das gesamte Tessiner Gebiet verteilt sind. Wir haben beschlossen, diese Vereinigung zu gründen, um als spezialisierte Chiropraktorinnen und Chiropraktoren im Kanton Tessin eine starke und einheitliche Stimme zu schaffen, mit besonderem Augenmerk auf Familien und Kinder. Wir sind davon überzeugt, dass durch die Aufklärung der Familie und damit der Kinder schon im frühen Alter ein grosser Beitrag zur Prävention geleistet und bei den kleinen Patientinnen und Patienten gute Gewohnheiten etabliert werden können, die langfristig Bestand haben. Auf lange Sicht führt dies zu Erwachsenen, die über ihre muskuloskelettale Gesundheit informiert und aufgeklärt sind. Die Kindheit und Jugend stellen grundlegende Entwicklungsphasen dar, in denen der Körper schnell wächst und sich ständig an neue Körperhaltungen oder motorische Anforderungen anpasst.
Wir haben uns entschieden, uns auf diese Patientengruppe zu konzentrieren, da wir festgestellt haben, dass die Nachfrage nach fachärztlichen chiropraktischen Untersuchungen im pädiatrischen Bereich stark zunimmt und die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit Kinderärzt:innen noch sehr wenig entwickelt sind. Wir stellen fest, dass es eine grosse „Lücke“ bei der Behandlung von Problemen des Bewegungsapparats bei Kindern und Jugendlichen gibt und dass wir als Chiropraktorinnen und Chiropraktoren genau die richtigen Ansprechpartner:innen sind, um diese Lücke zu schliessen.
Als Spezialist:innen für die Funktionsweise des menschlichen Körpers werden wir oft nicht hinzugezogen, und zu viele Kinder werden direkt zur Physiotherapeutin oder dem Physiotherapeuten geschickt – selbst bei ungenauen Diagnosen –, ohne dass zuvor eine funktionelle muskuloskelettale Untersuchung durch eine Chiropraktorin oder einen Chiropraktor stattgefunden hat. Was Kinder betrifft, versuchen wir daher, durch Aufklärung und Zusammenarbeit ein Netzwerk im medizinischen Bereich aufzubauen, damit eine chiropraktische Untersuchung vom Neugeborenen bis zum 18-Jährigen zur Normalität wird.
2. Wie sieht die Zusammenarbeit mit Hausärzt:innen und Kinderärzt:innen aus?
Im Laufe der Jahre haben wir enge Kooperationen mit einigen Kinderärztinnen und Kinderärzten aufgebaut. Nun versuchen wir, ein breiteres Netzwerk von Fachärzt:innen – vor allem Kinderärzt:innen – aufzubauen, mit dem Ziel, eine gegenseitige Zusammenarbeit zu erreichen. Zu diesem Zweck erarbeiten wir derzeit spezifische Leitlinien für Kinderärzt:innen, um ihnen bei der Entscheidung zu helfen, wann eine chiropraktische Untersuchung erforderlich ist. Eines unserer ersten grossen Ziele ist es, Kinderärzt:innen, Hebammen, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger:innen und Hausärzt:innen darüber aufzuklären, wann sie Kinder und Jugendliche zur Untersuchung an uns überweisen können. Wir sind davon überzeugt, dass eine multidisziplinäre Betreuung für die Gesundheit von grundlegender Bedeutung ist und dass wir Chiropraktikorinnen und Chiropraktoren eine aktivere Rolle spielen müssen, als wir es derzeit tun.
3. Auf Ihrer Website erwähnen Sie die Begriffe „Plagiozephalie“ und „Neugeborenen-Schiefhals“. Könnten Sie bitte erläutern, was diese Begriffe bedeuten und warum chiropraktische Behandlungen gerade für Babys so wichtig sind?
Die Plagiozephalie ist eine Verformung der Schädelform des Neugeborenen, bei der der Schädel auf einer Seite abgeflacht erscheint, wobei möglicherweise eine kontralaterale Stirnwölbung auftritt. Oft steht sie im Zusammenhang mit einem angeborenen Schiefhals, bei dem die Beweglichkeit des Halses des Neugeborenen eingeschränkt ist, was dazu führt, dass es den Kopf stets zu einer Seite geneigt hält oder nur auf einer Seite eine eingeschränkte Drehbewegung ausführen kann. Ein Kind mit Schiefhals neigt dazu, den Kopf stets auf derselben Seite zu halten, was die Abflachung des Schädels begünstigt. Es handelt sich um recht häufige Beschwerden in den ersten Lebensmonaten, bei denen eine frühzeitige Behandlung durch eine Chiropraktorin oder einen Chiropraktoren zu einer optimalen Besserung beitragen kann.
Die ersten Lebenswochen sind entscheidend für die zukünftige Gesundheit des Bewegungsapparats des Kindes. Erste Anzeichen einer zervikalen Asymmetrie, bevorzugte Kopfhaltungen und damit ein möglicher Schiefhals des Säuglings sollten schnell behandelt werden. Auch die Eltern spielen gemeinsam mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt eine entscheidende Rolle bei der Beobachtung des Kindes und der frühzeitigen Meldung eventueller Bewegungsasymmetrien.
4. Auf Ihrer Website erwähnen Sie, dass es vier Tests gibt, mit denen Eltern die Körperhaltung ihrer Kinder im Alter von 6 bis 18 Jahren überprüfen können. Könnten Sie mir bitte erklären, um welche Tests es sich dabei handelt und wie Eltern diese mit ihren Kindern durchführen können?
Es kommt sehr gut an, den Eltern konkrete Hilfsmittel an die Hand zu geben, mit denen sie ihre Kinder bereits zu Hause hinsichtlich ihrer muskuloskelettalen Entwicklung beurteilen können. Eine erste einfache Beurteilung besteht darin, das Kind einfach von hinten zu beobachten und festzustellen, ob eine der beiden Schultern höher liegt als die andere. Solche allfälligen ersten Asymmetrien sollten sofort korrigiert werden, auch im Hinblick auf den Wachstumsschub, den das Kind erleben wird, wenn es etwas älter ist. Der Haltungs-Test an der Wand gibt uns einen ersten Hinweis auf die allgemeine Körperhaltung des Kindes und lässt uns erkennen, ob wir rasch eingreifen müssen. Ein weiterer Test besteht darin, das Kind zu bitten, sich mit gestreckten Beinen nach vorne zu beugen und zu prüfen, ob es mit den Fingerspitzen den Boden berühren kann; eine übermässige Steifheit der Wirbelsäule hindert das Kind daran, diese Bewegung auszuführen, und könnte eine eingehendere Untersuchung erfordern. Schliesslich kann man das Kind bitten, auf einem Bein zu balancieren, und zu zählen, wie viele Sekunden es in dieser Position aushalten kann, bevor es den Fuss auf den Boden setzt. Dies gibt Aufschluss über die Koordination und die Muskelkontrolle. Diese Tests stellen ein einfaches Screening-Instrument dar, das Eltern oder Grosseltern problemlos zu Hause durchführen können.
5. Wir alle nutzen täglich Smartphones, Computer und Tablets. Man könnte fast sagen, wir seien süchtig danach. Auf Ihrer Website erwähnen Sie, dass diese Nutzung zu einer schlechten Körperhaltung führen kann. Könnten Sie mir erklären, wie eine solche schlechte Körperhaltung entsteht und was wir dagegen tun können?
Die längere Nutzung elektronischer Geräte führt oft zu Fehlhaltungen. Wenn man den Hals über einen längeren Zeitraum nach vorne beugt, wie beispielsweise beim Blick auf das Handy, kann dies zu ernsthaften Problemen führen. Die physiologische Halswirbelsäulenkrümmung bildet von der Seite betrachtet ein C. Wenn wir den Kopf nach vorne beugen, zwingen wir den Nacken in ein umgekehrtes C, und diese Haltung führt, wenn sie über einen längeren Zeitraum und mehrmals am Tag beibehalten wird, zu Verspannungen, die sich Tag für Tag ansammeln, bis sie sich schliesslich in Schmerzen, Nackensteifigkeit und in manchen Fällen auch in Kopfschmerzen äussern.
Diese schlechte Haltungsgewohnheit führt dazu, dass der Kopf nach vorne geneigt wird, was eine übermässige Belastung des Nackens und somit eine ständig angespannte Nackenmuskulatur zur Folge hat.
Die Chiropraktorin oder der Chiropraktor kann eingreifen, um die Beweglichkeit der Halswirbelsäule wiederherzustellen und die Wirbelsäulenmuskulatur zu entlasten, doch wir betonen erneut, dass es vor allem darauf ankommt, der Patientin oder den Patienten zu einer korrekten täglichen Ergonomie und zur Reduzierung der vor dem Bildschirm verbrachten Zeit anzuleiten. Das Ziel ist nicht, die Technologie zu verbannen, die heutzutage Teil unseres Lebens ist, sondern zu lernen, sie bewusst zu nutzen und sie mit Bewegung und korrekten Haltungsgewohnheiten abzuwechseln.
6. Sie betreiben eine Praxis im Kanton Tessin. Wie sieht die Situation in der italienischsprachigen Schweiz aus? Gibt es dort genügend Chiropraktikorinnen und Chiropraktoren?
Leider herrscht wie in der übrigen Schweiz auch im Kanton Tessin ein Mangel an spezialisierten Chiropraktorinnen und Chiropraktoren. Die Nachfrage nach chiropraktischen Behandlungen steigt sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern stetig an, doch die Zahl der Fachkräfte reicht bei weitem nicht aus, um alle Anfragen zu decken. Dies wird im pädiatrischen Bereich zu einem Problem, da sich die Wirbelsäule in dieser Lebensphase ständig im Wachstum befindet und der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle spielt. Mit dieser Vereinigung möchten wir einen immer grösseren Teil der Kinder und der Familien erreichen. Wir freuen uns über die positive Resonanz, die wir bereits bei einigen Kinderärzt:innen erhalten haben, und über das Netzwerk von Spezialist:innen, das wir gerade aufbauen.
Das Interview hat Valentin Schneuwly geführt.